Stoneman Dolomiti Etappe 1

56,6km 2524hm

Stoneman.

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann und warum mich dieser „Titel“ so gefangen hat. Ich weiß nur noch, dass Markus mich auf die Idee brachte und ich mir zunächst immer dachte: „Pfuh, des is glaub eher was für die Profis.“

Bis ich das Konzept mal verstanden hatte und langsam die Angst davor mehr sich in Respekt verwandelte. 120 km und 4.000 hm. Die Angaben variieren auf diversen Portalen im Netz, aber ich musste dennoch erstmal schlucken. Ich bin mir sehr sicher: so viele Höhenmeter bin ich am Stück noch nie gefahren. Also das Ganze an einem Tag? Never ever…

Aber 3 Tage fand ich dann doch auch irgendwie doof, also blieb uns die Silber Variante: An zwei Tagen alles runterstrampeln. Fahrzeit? Egal, Hauptsache vor 21:00 Uhr in der Unterkunft. Passt!

Bis es dann letztendlich doch mal dazu kam, sollten 2 bis 3 Jährchen ins Land gehen. Zwischenzeitlich gesellten sich zum Dolomiti auch noch die anderen Varianten: der Miriquidi, Taurista und Glaciara.

Und da kam Markus die Idee: Warum nicht 3 Stoneman „am Stück“ fahren, statt einem AlpenX.

Ich fands bis dahin ganz gut, auch wenn mich zunächst mehr der Ur-Stoneman in den Dolomiten interessierte. Die Dolomiten halt! DO-LO-MI-TEN!

Aber auch Taurista und Miriquidi klangen nach längerem Überlegen sehr reizvoll. Der Glaciara würde mir von der Gegend her noch super taugen, aber naja, wie soll ich es formulieren: „Is halt in der Schweiz!?“ *Dollarzeichen in den Augen*. Mal davon abgesehen, dass es bis da rüber ein Stückchen zu fahren ist, hatte ich beim vorletzten AlpenX in der Schweiz Tränen in den Augen, als es ans Bezahlen ging. In der Unterkunft…beim Essen…beim Bäcker…beim bloßen Hingucken auf Sportartikel…

Also, gesagt getan: Planungsmeister Markus machte sich ans Werk, während ich in Lübeck verzweifelt versuchte, den Trainingsrückstand der letzten Monate aufzuarbeiten und im Flachland mit Ach und Krach 200hm zusammenkratzte. Hui, das wird spannend auf dem Stoneman.

Zunächst ging es ja einmal über die Alpen beim München-Venedig Cross. 3 Tage Pause, dann auf zum Dolomiti! Einen Tag Pause und weiter zum Taurista. Miriquidi? Schieben wir spontan in den Urlaub mit ein. Soweit so gut.

Somit ging es eines Vormittages auf in Richtung Sillian, Osttirol, wo Markus uns die Unterkunft samt Stoneman Paket gebucht hatte. Der Empfang war herzlich, wir quatschten noch ein wenig und das Abendessen war wirklich lecker! Wir hätten sogar noch Nachschlag bekommen, aber vollfressen wollten wir uns auch nicht. Denn am nächsten Tag nach dem Frühstück ging es los:

Stoneman Dolomiti Silber, wir kommen.

Die Einrollzeit war mit knapp 500m vielleicht etwas kurz ausgefallen und es ging schon gleich in die ersten Ü1000hm auf Schotter. Wir beschlossen wieder unser alt bewährtes Konzept des „alle 250hm / Trinkpause“ durchzuziehen und so waren die ersten 800hm kein wirkliches Problem. Der Puls wurde nach oben getrieben, wir hatten immer wieder schöne Aussichten ins Tal und auf die weiter entfernten Berge und freuten uns auf das Gebirgsfeeling beim Mountainbiken.

Ich krempelte mir meine Fahrradshorts etwas nach oben und zog lieber wieder meine Sonnenbrille auf, um nicht schneeblind zu werden. Irgendwie haben die Oberschenkel auf dem SonnenalpenX MUC-VCE bisher noch keine Farbe abbekommen.

Nach der Leckfeldalm wurde es langsam technischer und es dauerte nicht lange, da stiegen wir zum ersten Mal ab und schoben unsere Radl. Das sollte sich dann bis zur Sillianer Hütte auch nicht ändern. Mal schoben wir…trugen die Radl und ab und zu strampelten wir auch. Vor allem dann, wenn uns ein anderes menschliches Wesen begegnete, lach.

Auffällig war mal wieder die Menge an eBiker, die uns überholten oder uns entgegen kamen, da sie oben ihr vorzeitiges Mittagessen schon beendet hatten und nun wieder ins Tal rollten. Auch ein Vater mit seinem vielleicht 13-Jährigen Sohn, beide auf eBikes, überholten uns oben und zogen sehr schnell außer Sichtweite. Ich betrachtete es mit gemischten Gefühlen, wobei von Zeit zu Zeit während einer besonders anstrengenden Schindereipassage wohl auch ein bisserl ein Neid dabei war.

Wir holten unseren ersten Knippser auf der Stonemankarte ab, bewunderten diese unglaubliche, fantastische, atemberaubende Kulisse der Berge und freuten uns auf ein Mittagessen oben auf der Hütte. … An der gerade offensichtlich drei Busladungen voll „Touris“ mit unterschiedlichen Nationalitäten ausgespuckt wurde. Es wuselte, summte und schwärmte da oben nur so dahin. Mal abgesehen von der Geräuschkulisse hatten wir einfach keinen Bock auf diese Massen an Wanderer und fuhren schmollend und grummelnd weiter gen Demutspassage. Ohne Essen. Und ja…wir waren demütig. Für eine lange, lange Zeit.

Zweifel kamen auf: Sind wir echt soooo schlecht? Fährt man das normalerweise nicht ein bisschen mehr? Mal abgesehen von den kurzen Tragepassagen, aber da am Hang entlang, kann man das nicht eigentlich fahren?…Ja, vermutlich schon. Wenn man nicht seine Körner verschossen und das Mittagessen übergangen hätte. Ich merkte es ja mal wieder nicht und schob alles auf meine mangelnde Kondition. Markus hingegen wusste schon eher, woran es lag, aber das Energiegel rettete ihn auch nicht wirklich über diesen Punkt hinweg.

Also, Zähne zusammenbeißen, Garmin zwischenladen im Rucksack (verfahren kann man sich hier eh nicht) und weiter. Schieben, Tragen, Strampeln. Schieben, Tragen, Strampeln. Murmeltiere schossen vor uns davon, die Blumen und Heidelbeersträucher blühten uns ihre Farbenpracht entgegen. Schee war’s halt doch, auch wenn mein Mantra in dieser Passage immer und immer wieder klang:

„Bald kommt der Passo Silvella, zweite Stempelstation für heute. Danach geht’s laut Höhenprofil der Faltkarte bergab. NUR NOCH BERGAB!“ …

…Pustekuchen!

Nix bergab, bergauf geht’s nach unserem Knippser auf der Karte. Und zwar NICHT fahrend! Nein, schiebend (Tragen konnte ich schon nicht mehr, mein verrissener Rücken hatte darauf keinen Bock mehr).

Aber auch diesen Teil schafften wir. Im Geiste schon die Stunden zusammenzählend, wie lange wir denn wohl noch unterwegs sein werden und ob wir es überhaupt noch rechtzeitig zur Unterkunft schafften. Gedanken kreisten sich ums Essen, Schlafen oder halt einfach nur ums flach auf Boden legen, um den Puls wieder runterzubekommen.

Und dann kam der Moment: Der höchste Punkt war erreicht! Der Trail kann beginnen! Und was für ein Trail! Ein Trail, der Begeisterung ins Gesicht schrieb. Der das Grinsen bis zu beiden Ohren schob. Der das Adrenalin in die Blutbahnen schießen ließ. Der die Freude über seine verbesserten Fahrtechniken ausstrahlen ließ … Und der mich über den Lenker abwarf…

Vorteil von so nem kleinen Sturz ist: Man spürt sein Rückenleiden nicht mehr so. Bis in die Nacht hielt der zumindest mal seine Klappe.

Aber auch jeder noch so geile Trail hat nun mal irgendwann sein Ende. Dieser Trail endete in umgefallene Bäume, vor denen uns die Bergland Besitzerin gewarnt hatte. Aber er war gut zu umgehen, denn die unzähligen Bergstiefel und Mountainbikestollen, welche den Berg bisher bezwungen hatten, haben einen gut sichtbaren Umfahrungstrail gefertigt.

Also ging es bald auf Asphalt über und nachdem wir einen kurzen Schwenk in die falsche Richtung einschlugen (Bewohnerin mit über den Kopf fuchtelnden Armen: „Habt ihr euch denn schon wieder verfahren?! Da müsst ihr doch lang!“ *grinst fuchtelnd*) trafen wir auch in Padola auf einen zu plündernden Supermarkt und unsere vorletzte Stempelstelle für heute.

Ab Padola, so wussten wir, ging es bald wieder bergauf. Der letzte Anstieg in Etappe eins zur Rotwandwiesen. Und dieser zog sich! Wir waren wirklich schon sehr am Ende unserer Kräfte. Das Energiezufuhrmanagement hatte am heutigen Tag wirklich so gleich gar nicht geklappt. Und so konnten wir dem eigentlich wunderschönen Blick auf die Dolomiten und den immer wieder auftauchenden 3 Zinnen nur ein müdes Lächeln abgewinnen und kämpften uns weiter zur Rotwand. Auch der letzte Weg dorthin war eigentlich sehr schön angelegt, aber Nieselregen und mehr als ein leerer Akku in den Beinen trieb uns stumpf bis zur Gondel- und Skiliftstation. Ein letzter Knipps, 4 von 5 insgesamt an einem Tag, kurzes und müdes Abklatschen und weiter zur eiskalten Abfahrt auf der Skipiste gen Sexten.

An der Grünen Laterne, unserer Unterkunft, auf Punktlandung angekommen erzählte mir mein Garmin, dass ich doch bitte 72h Erholungszeit einhalten soll. Ich schnaubte ihn kurz verächtlich an und legte mich auf das Pflaster zu meinem Fahrrad, während Markus verzweifelt versuchte, den Schlüssel für unser Zimmer zu bekommen. Eine Gardine am gegenüberliegenden Fenster bewegte sich und eine Frau guckte verwundert mit hochgezogener Augenbraue auf mich herab. Mir war’s wurscht…

Wir bekamen trotz später Stunde ein hervorragendes Essen in der Grünen Laterne. Das Personal war super nett und die Zimmer schön und geräumig. Da gab man doch gerne etwas mehr Trinkgeld.

Müde, satt und einigermaßen wieder aufgewärmt gings in die Nachtruhe.

01
Blick auf Sillian
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